| |
ANGRY MONK
Reflections on Tibet
von Luc Schaedler
Schweiz 2005
1:1,85 • 35mm • Farbe
97 Minuten • Ov/d |
|
|
|
Was meinen
Sie damit genau?
Erstens bin ich sehr kritisch dem gegenüber, wie einseitig
Tibet im Westen vereinnahmt wird: Als spiritueller Hort, als geistige
Inspiration, bis hin zu Managern, die sich in buddhistischen Klöstern
auf die nächsten Globalisierungsverhandlungen vorbereiten,
um es etwas überspitzt zu formulieren. Ich glaube, damit schadet
man dem Kampf um tibetische Unabhängigkeit, wenn das Land auf
ein friedliebendes Pseudoparadies reduziert, nur als «Shangri-la»
wahrgenommen wird und wenn man meint, jeder Tibeter habe eine spirituelle
Message, eine Lebensweisheit für uns parat. Besonders problematisch
scheint mir auch die Verklärung der Vergangenheit – nicht
nur im Westen, auch bei den Tibetern selbst. Dass zum Beispiel knapp
5% der Leute das ganze Land kontrollierten, dass die Vermischung
von Religion und Politik, eine teilweise unheilige Allianz zwischen
Adel und Klöstern immer wieder nötige Reformen und eine
Öffnung gegen aussen verhindert hat, wird gern verschwiegen.
Gendun Choepel, aber auch andere, wie der Vorgänger des vierzehnten
Dalai Lama, sind mit ihren Reformvorschlägen und einer gewissen
Weltoffenheit immer wieder am Widerstand konservativer Kräfte
gescheitert, die ihre Privilegien zu verteidigen wussten.
Wollten Sie sich mit dieser kritischen,
differenzierten Haltung auch von vielen anderen Dokumentarfilmen
über Tibet absetzen?
Auf jeden Fall! Es gibt unzählige Filme der ungebrochenen Bewunderung
über Klöster, über den Lamaismus und auch über
die Nomadengesellschaft, die als Überbleibsel einer Jahrhunderte
alten, intakten Kultur gefeiert wird. Genauso wenig mag ich diese
Politreportagen, die so tun, als sei Tibet eine zerstörte Kultur,
komplett am Boden, und jeder Widerstand gegen die Chinesen sei endgültig
gebrochen und letztlich zwecklos. Die Situation ist komplizierter
und tatsächlich paradox: Einerseits wurde bereits seit dem
Einmarsch 1950 und besonders während der Kulturrevolution unvorstellbar
viel zerstört, ist man mit vernichtender Akribie bis in die
letzten Winkel vorgedrungen. Andererseits beweisen die Tibeter jeden
Tag, dass es durchaus ein Leben unter den Chinesen gibt. Sie haben
ihre Kultur und Sprache bewahrt und doch mehr hinüber gerettet,
als man denkt: Auch viele der Schriftstücke und Bilder von
Choephel, die im Film vorkommen, wurden in Tibet bewahrt. So gesehen
ist Gendun Choephel ein Teil dieses «Überlebens»
geworden. Die Quintessenz ist, dass man die Tibeter nicht immer
nur als Opfer sehen soll, sondern auch als Leute, die es sehr clever
geschafft haben, Widerstand zu leisten und auch weiterhin Widerstandsgeist
beweisen.
Ich wollte auch nie einen rein biografischen Film über Gendun
Choephel machen, sondern ich benutze ihn als Schlüssel, um
die Geschichte und die komplexe Gegenwart Tibets aufzubrechen. Choephel
war ein vielschichtiger Mensch, der für Veränderungen
gekämpft hat und zugleich Zeit seines Lebens immer ein Buddhist
geblieben ist, der sich nie von seiner eigenen Kultur abgewandt
hat. Ausserdem habe ich bewusst nur tibetische Zeitzeugen von damals
und jüngere Tibeter von heute über ihn sprechen lassen
und alle westlichen Gelehrten und Tibetologen, die ich ursprünglich
auch interviewt hatte, am Schluss herausgenommen...
...und der Dalai Lama kommt auch nicht
zu Wort...
Oh ja, ganz bewusst. Es wäre wahrscheinlich nicht besonders
schwierig gewesen, ein Interview mit ihm zu bekommen. Ich wollte
aber nicht, dass seine Präsenz den Film erdrückt und die
anderen Interviewpartner in den Hintergrund drängt. Egal, was
er über Choephel gesagt hätte, es wäre für viele
wie eine Bestätigung dafür, dass der Film gerechtfertigt
ist. Das wollte ich nicht, ich wollte keinen «offiziellen
Stempel». Ich erachte es als sehr wichtig, dass es eine Paralleldiskussion
über Tibet gibt, die sich nicht nur mit der Stimme des Dalai
Lama befasst.
Interview geführt von Till Brockmann am 8. Juni
2005
|
|