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13 Aug 2005 | ...die Gemüter der Regierungs- und Mönchsbeamten erhitzte und sich damit eine Gefängnisstrafe einhandelte? Warum wählte der Regisseur Luc Schaedler ausgerechnet dieses sperrige Sujet, um sich Tibet zu nähern?
Gendun Choephel, geboren 1903, Querdenker, Mönch und «Wanderer zwischen den Welten», war zwar in der eigenen Tradition zu Hause und hatte dennoch deren Fesseln abgeschüttelt, als er sich 1937 vom klösterlichen Leben abwandte und neue Herausforderungen suchte - an solchen Figuren lasse sich die Widersprüchlichkeit Tibets festmachen, so Schaedler. «Ich möchte nicht das alte Tibet per se denunzieren, sondern mich ernsthaft mit dem Mythos Tibet auseinander setzen. Und Gendun Choephel schien mir als Person wie geschaffen zu sein, aufzuzeigen, dass früher doch auch einiges schief gelaufen ist.» Seit vielen Jahren bereist Luc Schaedler Asien; sein erster Dokumentarfilm «Made in Hong Kong» stellt die Frage nach der Identität, die auch Schaedler umtreibt, seit er sich selbst nach diesen Reisen als Unbehauster in der Heimat fühlt. Tibet übte auf ihn seit jeher eine ungeheure Anziehung aus, doch je öfter er sich mit Tibetern unterhielt, desto klarer wurde ihm, dass Tibet eben kein Shangrila ist. Es mag an Schaedlers differenzierter Sicht liegen, dass die unaufdringliche Erzählhaltung angenehm auffällt.
Ein Film über das alte Tibet? In der Tat sind die zahlreichen, historisch einzigartigen und seltenen Filmsequenzen beeindruckend. Schaedler hat viele Jahre recherchiert, ein umfangreiches Filmarchiv zusammengetragen, knüpfte Netzwerke und konnte so für diesen Film auf Material zurückgreifen, das nun erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Aufgrund intensiver Recherchen gelang es Schaedler auch, Zeitgenossen und Mitschüler Gendun Choephels ausfindig zu machen, die im Film zu Wort kommen, und sogar Golok Jigme, der mit Gendun Choephel zwei Jahre durch Indien reiste.
Ein Dokumentarfilm über das Leben eines Mönchs? Ja, und doch geht er darüber hinaus, denn der Film «oszilliert zwischen Vergangenheit und Gegenwart». Das Team von Schaedler - Filip Zumbrunn als Kameramann, Yangdon Dhondrup als Übersetzerin - reiste zu den Orten, an denen der Mönch gelernt und gewirkt hat. In seinem Geburtsort treffen sie seinen Grossneffen, der von Choephels Lausbubenstreichen erzählt und von seiner Freundschaft mit einem amerikanischen Missionar. Verwandte und Mönche hätten ihn gewarnt, er würde noch blonde Haare bekommen, wenn er sich so oft mit ihm treffe.
Alak Yongtsin, ein Mitschüler aus Labrang, wo Choephel von 1920 bis 1927 lebte, berichtet, wie neugierig der junge Mönch und wie offen er war; aus mechanischen Teilen von Uhren baute er kleine Boote und liess sie über den Teich fahren.
Eindrücklich ist auch die Szene, wie Kinder heute mit ihren Fingern in Ermangelung des Lehrmaterials tibetische Zeichen in den Sand malen. In diesem Zusammenhang fällt auch das Wort Selbstbehauptung, denn über Sprache identifiziert sich das tibetische Volk, egal ob in Amdo (Nordosttibet) oder - wie später im Film gezeigt wird - Kalimpong in Nordindien. Gendun Choephel gilt all jenen als Identifikationsfigur, die sich mit der eigenen Identität auseinander setzen. Insbesondere Intellektuelle besinnen sich gerne auf ihn, weil er nach dem «anderen» Tibet suchte, um der Stagnation innerhalb der tibetischen Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. Und so ist nur konsequent, dass der Regisseur Interviewpartner auswählte - Jamyang Norbu zum Beispiel, Tashi Tsering oder Tsering Shakya -, die eben auch an anderen möglichen Perspektiven auf Tibet interessiert sind. Dem Regisseur geht es dabei im Film keineswegs um Heldenverehrung, sondern um die Ambivalenz der Person, die fast schon symbolisch sei für die Widersprüchlichkeit auch Tibets. «Gendun Choephel ist der Schlüssel zu Tibet, sein Studium der tibetischen Geschichte wiederum ist der Schlüssel zur Gegenwart», so Schaedler. Historische Rückblicke werden also in Bezug gesetzt zur Biographie Gendun Choepels, die Figur in Zusammenhang gebracht mit dem Alltag heute in Orten wie Labrang, Lhasa, Kalkutta und Kalimpong, denn: «Man braucht die Vergangenheit, um zu verstehen, wie es zur Gegenwart kommt.»
Ein Roadmovie? Die Gitarrenklänge zum Film, die Aufnahmen von alten Karawanen überblendet mit Busreisen durch das heutige Tibet und Szenen aus Discos in Lhasa und Kalkutta lassen diese Assoziation durchaus aufkommen. Ein Aussenseiter der Gesellschaft «on the Road» flieht und unterliegt doch letzten Endes. Fremd in der Heimat und heimatlos in der Fremde war Choephel offen für alles Neue; er schrieb den ersten Reiseführer in Tibet, um Tibetern von anderen Welten zu berichten. Der Film ist insofern nicht nur eine Zeitreise in das alte Tibet, nicht nur Dokumentation eines Lebens, nicht nur die persönliche Auseinandersetzung des Regisseurs mit dem Mythos Tibet, sondern er ist so vielschichtig wie Tibet selbst und komplex wie die Wahrheit eben ist. «Angry Monk» wirft viele Fragen auf, überlässt es aber dem Zuschauer, sich ihnen zu stellen. (© Alice Grünfelder, Tibet Aktuell, 89, August 2005)
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